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Aus Drei mach Eins: Vor 50 Jahren entstand der Rhein-Neckar-Kreis Immer am Puls der Zeit und Schrittmacher für Veränderungen und Innovationen


Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er wollte die damalige Große Koalition aus CDU und SPD mit einer großen Reform leistungsstärkere Verwaltungseinheiten in Baden-Württemberg schaffen. Mit dem zum 1. Januar 1973 in Kraft getretenen Kreisreformgesetz entstanden aus 63 Landkreisen nun 35, und die Städte und Gemeinden im Land reduzierten sich durch das Gemeindereformgesetz freiwillig oder zwangsweise bis 1975 von rund 3.000 auf 1.100. Der neue Rhein-Neckar-Kreis bildete sich aus dem gesamten früheren Landkreis Heidelberg (52 Gemeinden), dem gesamten Landkreis Mannheim (27 Gemeinden) und dem größeren Teil des Landkreises Sinsheim (27 der 52 Gemeinden) sowie der Gemeinde Lindach (Kreis Mosbach, heute Ortsteil von Eberbach). Nach Abschluss der Kommunalreform – Ziegelhausen wurde zum 1. Januar 1975 nach Heidelberg eingemeindet – umfasst der Rhein-Neckar-Kreis heute ein Gebiet von 1.062 qkm mit 54 Städten und Gemeinden (74 Ortsteile), darunter die sechs Großen Kreisstädte Hockenheim, Leimen, Schwetzingen, Sinsheim, Weinheim und Wiesloch. Von Beginn an war der Rhein-Neckar-Kreis mit 425.610 Einwohnerinnen und Einwohnern der bevölkerungsreichste in Baden-Württemberg, heute steht er bei über 554.352 und an den Einwohnern gemessen der drittgrößte in Deutschland.

 

130.000 Einwohner mehr als bei seiner Entstehung, allein diese Zahl spricht für die Attraktivität und Leistungsfähigkeit des Rhein-Neckar-Kreises. Hinzu komme, so Landrat Stefan Dallinger, dass die Kreisrätinnen und Kreisräte zusammen mit der Kreisverwaltung nicht nur immer am Puls der Zeit geblieben sind, sondern oft genug durch wegweisende Initiativen Entwicklungen vorangetrieben haben. Man habe sich nie auf der Aufbauarbeit der ersten Kreistage ausgeruht, die besonders die schulische Bildung, die Abfallwirtschaft und das Gesundheitswesen im Blick hatten. Auch wollte man von Anfang an kein „bürgerferner Moloch“ sein, der zu Beginn befürchtet worden war. Alle drei Altlandkreise hatten die Reform nämlich abgelehnt, weil sie schon leistungsfähige Gebietskörperschaften darstellten und ein Großkreis kaum noch überschaubar sein würde. Umso ernster war es dem 1973 gewählten ersten Kreistag, der den ehemaligen Landrat des Kreises Mannheim, Albert Neckenauer, zum ersten Landrat des Rhein-Neckar-Kreises gewählt hatte, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Bürgernähe blieb durch Außenstellen in Mannheim und Sinsheim gewahrt, weitere große kamen in Wiesloch (1995) und Weinheim (2013) hinzu, und in Sinsheim übernahm der Kreis 2014 das ehemalige AVR-Gebäude in der Muthstraße ganz.

 

Die Sacharbeit begann mit dem Versuch, die Abfallproblematik zu bewältigen. Der legendären „Schlacht am Mannaberg“ 1974 mussten allerdings noch viele Kreistagssitzungen und Anstrengungen folgen, um schließlich mit der 1991 gegründeten ersten privatwirtschaftlichen Gesellschaft des Kreises, der AVR, die Entsorgung endgültig sicher zu stellen und sogar in die Energiewirtschaft einzusteigen. Heute ist aus der AVR ein schlagkräftiges Unternehmensnetzwerk geworden, mit dem der Rhein-Neckar-Kreis sein umfassendes und kontinuierliches Engagement für den Klima- und Umweltschutz tagtäglich vorantreibt. Der 1986 zum zweiten Landrat des Rhein-Neckar-Kreises gewählte Dr. Jürgen Schütz, er blieb Landrat für die nächsten 24 Jahre, sorgte mit den ihn begleitenden Kreistagen dafür, dass die Infrastruktur des Kreises intensiv ausgebaut werden konnte. Neben den vielen sozialen Initiativen in seiner Amtszeit setzte er auch neue Akzente in der Kulturförderung, die beiden Kulturzentren Kommandantenhaus Dilsberg und Stiftskirche Sunnisheim in Sinsheim, die 1997 und 2011 eingeweiht wurden, erfreuen sich großen Zuspruchs.

 

Zudem war der Rhein-Neckar-Kreis einer der Motoren des Öffentlichen Nahverkehrs und setzte sich für das Beschleunigungsprogramm der RNV zwischen Weinheim und Heidelberg und für den S-Bahn-Ausbau ein, deren zweite Ausbaustufe gerade läuft. Die beruflichen und die Sonderschulen, ebenfalls schon Themen der ersten Stunde und von den ehemaligen Landkreisen als eine ihrer größten Aufgaben begriffen, erreichen heute einen Ausbauzustand, der beispielgebend für Baden-Württemberg ist. Davon zeugen die beruflichen Schulzentren in Eberbach, Weinheim, Wiesloch, Schwetzingen und Sinsheim sowie der Neubau der Louise-Otto-Peters-Schule in Hockenheim, der jüngst mit einem Architekturpreis und dem Zertifikat als Plusenergieschule für Nachhaltiges Bauen ausgezeichnet wurde. Mit dem Neubau der Steinsbergschule mit integrativem Schul-Kindergarten soll bald in Sinsheim begonnen werden, ebenfalls nach Standards nachhaltigen Bauens. Schon 2010 hatte der Kreis für körper- und schwerstmehrfach behinderte Kinder die Martinsschule in Ladenburg neu errichtet, zwischenzeitlich wurde auch die Comeniusschule in Schwetzingen erweitert. Wichtig sind dem Kreis besonders die Ausbildungsmöglichkeiten im digitalen Zeitalter, Stichwort Industrie 4.0 und Lernfabrik 4.0. Für diese ganz wichtigen Bausteine zur Mitgestaltung der digitalen Revolution haben die beruflichen Schulen bundesweit schon mehrere Auszeichnungen erhalten. Erfolgreich gestartet ist die generalistische Ausbildung an den Pflegeschulen in Trägerschaft des Kreises, um dem Pflegekräftemangel entgegenzuwirken.

 

Überhaupt verfügen die GRN-Gesundheitseinrichtungen über einen hohen Leistungsstandard. Das Leistungsspektrum der GRN-Klinken konnte über die Kooperation mit der Universitätsklinik Heidelberg und im Verbund mit den in den Medizinischen Versorgungszentren angesiedelten Arztpraxen noch weiter erhöht werden und steht den Menschen in allen Teilen des Kreisgebietes zur Verfügung. Ein Highlight ist das neue Betreuungszentrum mit Altersmedizinischem Zentrum in Weinheim. Es war mit einem Budget von rund 47 Millionen Euro die bisher größte Baumaßnahme von Kreis und GRN und hat Modellcharakter für die ganze Metropolregion Rhein-Neckar, da hier nicht nur pflegebedürftige Menschen mit Demenz, Kurz- und Schwerstpflegebedürftige eine Heimat finden, sondern auch seelisch kranke Menschen betreut werden. Zudem beinhaltet es die geriatrische Rehaklinik und darüber hinaus eine interdisziplinäre Station für Akutgeriatrie und Alterspsychiatrie, letztere in enger Zusammenarbeit mit dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch. Die mit 100 Millionen Euro Volumen größte Hochbaumaßnahme ist mit einem Neubau des Funktionsgebäudes der GRN-Klinik Sinsheim im Werden. Die Finanzierung wird von der Dietmar-Hopp-Stiftung mit 25 Millionen Euro unterstützt, die auch 5,5 Millionen Euro zur 2022 fertiggestellten neuen Urologie in der GRN-Klinik Eberbach beigetragen hat, wofür Landrat Dallinger sehr dankbar ist.

 

Der 2010 zum dritten Landrat Gewählte hat besonders die Wirtschaftsförderung ausgebaut sowie 2014 mit allen Kommunen den Zweckverband „High-Speed-Netz Rhein-Neckar“ gegründet. Der Backbone des Glasfasernetzes ist zwischenzeitlich fertiggestellt, in einem großen Teil der Kommunen läuft der Ausbau oder wird zumindest geplant. Und wichtig war und ist dem Kreis und dem Landrat ein umfassendes Mobilitätskonzept zu erreichen, das neben dem ÖPNV eine weiter verbesserte Verknüpfung von Bahnen, Bussen, car-sharing, Rad- und Fußgängerverkehren enthält.

 

Augenfällig werden die vielfältig gewachsenen Aufgaben des Kreises beim Blick auf das Haushaltsvolumen. Es betrug 1973 rund 125 Millionen D-Mark, beim 25-jährigen Jubiläum 1998 belief es sich schon auf 1,029 Milliarden D-Mark und zum 50-jährigen 2023, erreicht es mit den Gesellschaften ein Volumen von gut 1,5 Milliarden Euro, also knapp 3 Milliarden D-Mark. Das hat allerdings auch mit zwei Verwaltungsreformen zu tun, die 1995 und 2005 zusätzliche Aufgaben im Gesundheitswesen, der Umwelt- und der Ordnungsverwaltung gebracht hatten. Die Flüchtlingskrisen erforderten einen Ausbau der Personal- und Unterbringungskapazitäten, und der Landrat ist besonders den Kommunen dankbar für ihre Anstrengungen bei der Anschlussunterbringung, die als „Herkulesaufgabe“ bezeichnet, besonders jetzt nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Zudem haben sich vor allem die Sozialausgaben erhöht sowie die Aufgaben des Jugendamtes sich ausgeweitet. Seit 2012 betreibt der Rhein-Neckar-Kreis zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit ein gemeinsames Jobcenter, das übrigens ebenfalls dezentral aufgestellt ist.

 

Zum Jubiläum 50 Jahre Rhein-Neckar-Kreis hat der Kreis ein umfangreiches Programm erarbeitet, darunter eine Ausstellung zur Kreisgeschichte, Tage der offenen Tür im Landratsamt, den Schulen, der Jugendeinrichtung Stift Sunnisheim, bei der AVR oder der GRN gGmbH sowie Kulturveranstaltungen. Näheres dazu findet sich im Internet unter www.rhein-neckar-kreis.de/50jahre.

 

Der Rhein-Neckar-Kreis in Zahlen:

 

- Einwohner: 554.352 (Stichtag 30.06.2022)

 

- 54 Städte und Gemeinden mit 74 Ortsteilen

 

- Größe: 1062 qkm, davon sind rund 37 Prozent Waldfläche

 

- 40 Prozent der Kreisfläche stehen unter Natur- und Landschaftsschutz

 

- Haushaltsvolumen 2033 mit Gesellschaften rund 1,5 Milliarden Euro (1973: 125 Millionen Mark)

 

- Beschäftigte: rund 7.000 Menschen im „Verwaltungs-Konzern“ Rhein-Neckar-Kreis inklusiv aller Gesellschaften wie Abfallverwertungsgesellschaft des Rhein-Neckar-Kreises und GRN, deren Untergesellschaften sowie der Jugendstift Sunnisheim gGmbH (1973: 1005)

 

- Schülerzahlen 2022/23: an den Zentren beruflicher Schulen rund 10.000 Schülerinnen und Schüler, an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren rund 600 Schülerinnen und Schüler